Lifebook, negative Gefühle, Behinderung

Als ich mir 2016 und 2017 den Lifebook-Kurs gebucht hatte, mußte ich beide Male schon nach wenigen Wochen abbrechen. Ich hatte mit einem relativ großen Format begonnen, und um es zu füllen, war recht viel „Arbeit“ nötig, also kurz gesagt: viel Bewegung in den Händen. Ich hatte dann jedesmal langwierige Entzündungen in den Gelenken und letztlich brach ich frustriert ab, weil es auch keine Besserung gab, als ich auf ein kleineres Format umgestellt hatte. Im Sommer jetzt habe ich beschlossen, daß ich dieser Ressource im Rahmen meiner Bemühungen, das zu benutzen, was ich bereits besitze, nochmal eine Chance gebe. Dazu habe ich das Format nochmal verkleinert und arbeite jetzt in einem DIN A6 Büchlein. Und das funktioniert endlich für mich! Ich bin jetzt beim Lifebook 2017 in Woche 15 und habe überhaupt keine Probleme mit den Händen, juhu :cheers:

Parallel dazu habe ich angefangen, mir Videos für Mixed Media Techniken bei YT anzugucken (ganz schön verführerisch, wenn man das ganze coole Material der anderen sieht, aber ich bin standfest :mrgreen:). Mir fällt auf, daß viele der gestalteten Seiten auf mich sehr oberflächlich wirken und mich daher nicht erreichen – sowas wie ein Schmetterling mit „Happy Day“ spricht mich nicht an. Solche Seiten würde ich auch nicht kreieren wollen, weil sie mir unpersönlich und langweilig erscheinen würden. Was mir mehr Freude macht, sind die thematischen Vorgaben, die ich beim Lifebook finde, auch wenn ich den Anleitungen oft nur grob oder gar nicht folge. Irgendwelche niedlichen Gesichter/Mädels zu malen, interessiert mich überhaupt nicht, weil ich mich damit auch gar nicht identifiziere. Überhaupt sind die heile Welt (oder der Wunsch danach) und der Positivismus, der aus vielen Kunstwerken in diesem Bereich spricht, etwas, zu dem ich keine Verbindung kriege. Ich bin kein Teil einer heilen Welt, in mir drin gibt es keine heile Welt. Was mich interessiert, sind die Brüche, die schwierigen Stellen, die Defekte, die von der Gesellschaft als eher negativ bewerteten Gefühle und Zustände. Ich habe mich jetzt innerhalb der bisher entstandenen Bilder getraut, meine eigene Wahrheit auszudrücken, indem ich angepißte oder enttäuschte Gesichter male, indem ich dunkle Farben verwende oder Schnipsel mit negativen statt mit positiven Worten dazuklebe („I’m so fed up with this shit“ statt „Happy Day“ etc.). Ich glaube, das entspricht nicht ganz dem happy-Konzept des Lifebooks, aber für mich ist das viel echter und wahrer. Tam, die Lifebook-Macherin, betont stets, daß für sie Kunst einen therapeutischen Effekt hat und sie sich mit Kunst positiv beeinflussen kann. Für mich entsteht dieser Effekt aber nur da, wo ich ehrlich hingucken und auch ehrlich Stellung beziehen kann. Positive Affirmationen findet mein Gehirn scheinbar total uninteressant.

Ich nehme mir jetzt also die Themenvorgaben als Inspiration und folge eher selten den tatsächlichen Anleitungen. So sind bisher ausschließlich Seiten in meinem Arbeitsbuch entstanden, die mich sehr ansprechen – tatsächlich finde ich keine einzige mißlungen, obwohl ich fest davon überzeugt bin, daß ich nicht malen/zeichnen kann. Nicht „herumfiddeln“ zu können, führt dazu, daß ich bei manchen Dingen nicht so detailreich malen kann, wie ich gern würde, aber ich lerne, das als interessanten Effekt für mich zu nutzen. Irgendwie paßt gerade alles zusammen 🙂 Außerdem verwende ich eine Menge Müll in meinen Bildern (Schokopapierchen, Verpackungsfolien, Gemüseaufkleber etc.), mit dem als Basis interessante Strukturen entstehen.

Etwas, womit ich sehr zu kämpfen habe, sind immer noch und immer wieder die ganzen Lektionen, in denen menschliche Gesichter gemalt werden. Ich bin ziemlich gesichtsblind und kann auch kaum Gestik lesen, insofern sind Gesichter mir in der Regel herzlich egal, auch so im Alltag. Andere Dinge wie z.B. Stimmen sind mir viel wichtiger, doch ich habe noch keinen Weg gefunden, Gesichter durch Darstellungen von Stimmen zu ersetzen oder so. Dazu kommt, daß meist weibliche Gesichter/Figuren gemalt werden, die dann auch oft mit verspielten Accessoirs ausgestattet werden (Blumen im Haar z.B.) – wieder etwas, das sich für mich schräg und blöd anfühlt. Das ist eine weitere Stelle, an der ich merke, daß ich kein untraumatisiertes NT-Gehirn habe.

Ich stelle einfach gerade fest, daß Kunst mit Behinderung eigentlich dasselbe wie Leben mit Behinderung ist: man sieht, was die anderen machen, wo die anderen langgehen und so, und dann muß man sich mit seinen Einschränkungen einen ganz anderen Weg suchen und eine Alternative finden, so daß das Ergebnis am Ende total anders ist, aber irgendwie mit dem der anderen verknüpft.

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