Hola, ich bin übrigens Autist

Diese Woche starte ich mal ein Experiment: ich habe mir zwei Lehrkräfte gesucht, mit denen ich noch nicht zusammengearbeitet habe, und ihnen gleich geschrieben, daß ich Autist bin und daß das heißt, daß ich im direkten Kontakt oft so nervös bin, daß ich Worte vergesse, daß ich oft gar nicht auf den Bildschirm gucke bzw. mich unpassend bewege, daß das aber nicht heißt, daß ich nicht aufmerksam bin (das waren jetzt sehr viele „daß“ in einem Satz O.o). Warum habe ich das gemacht?

Bisher habe ich den Lehrern nie im Vorfeld mitgeteilt, daß ich Autist bin, was dazu führte, daß ich mich selbst in den Stunden aus mir selbst heraus dazu gezwungen sah, zu masken, was das Zeug hält. Masken beim Sprachenlernen kann man sich als neurotypischer Mensch ungefähr so vorstellen wie Lernen, während man einen Tintenfisch in ein Einkaufsnetz zu zwingen versucht, das von der Decke baumelt und hin- und herschwingt, während man jemandem am Telefon zu erklären versucht, wie genau unsere DNA gestrickt ist, und eine Horde Kinder im Garten rumbrüllt und Scheiben einschlägt. Man muß sehr viele Dinge gleichzeitig bewältigen, konkret: nachdenken, reden, zuhören, hingucken, den Blick des anderen/Klänge/Töne/Stimme/Gestik/Mimik/das Gefühl der Kopfhörer ertragen, sich Notizen machen, freundlich sein/wenigstens so tun als hätte man eine Art Mimik und dann auch noch sowas Grundlegendes wie atmen und ab und zu mal was trinken. Ich habe tatsächlich schon oft darüber nachgedacht, meine Stunden nur noch mit Audio-Verbindung abzuhalten, weil ich diese Auge-in-Auge-Situation total überfordernd finde, aber bisher war ich immer zu schüchtern dafür, darum zu bitten. Mir ist es wichtig, daß ich als höflich wahrgenommen werde, schließlich wünsche ich mir auch ein höfliches Gegenüber. Vielleicht fehlt mir da auch noch das autistische Selbstbewußtsein.

Ich will jetzt mal sehen, was sich an meiner Eigenwahrnehmung und am Erschöpfungszustand nach den Stunden verändert, wenn ich mir selbst  erlaube, „autistische Verhaltensweisen“ (Weggucken, mit Dingen in der Hand spielen, mich mehr bewegen) an den Tag zu legen. Das ist sehr neu – ich habe das eigentlich über 40 Jahre lang vermieden.

Mir ist diese Woche auch bewußt geworden, daß Konversation zwar eigentlich mein Hauptziel beim Sprachenlernen ist, aber daß ich am meisten Freude empfinde, wenn ich Grammatikübungen und Quizze machen kann. Ich liebe das einfach, wenn mein kolumbianischer Lehrer mich mit Grammatiklückentexten vollpflastert und dann noch als Hausaufgabe eine schier endlose Text- und Vokabelanalyse aus dem Hut zaubert, von der er behauptet, daß er sie keinem anderen Schüler auf’s Auge drücken kann, weil sie das alle so langweilig finden :o) Neulich habe ich mal gelesen, daß es offenbar eine Menge Aspies gibt, die Sprachen um ihrer Grammatik willen lernen und nicht so sehr zum Quatschen. Uh ja, das könnte schon sein… Ich denke, Konversation ist die Königsdisziplin, aber ich fühle mich im Thronsaal offensichtlich ein wenig unwohl. Das, was mich insbesondere glücklich macht, sind die Struktur und die innere Logik einer Sprache. Und das Gefühl, das sich einstellt, wenn ich echt elegante Sätze bauen kann.

Sollte jedoch das Lernen mit einem Lehrer, sprich: die Konversation für mich entspannter werden, weil ich mir selbst mehr autistische Verhaltensweisen zugestehe, wäre das natürlich prima. Derzeit ist es noch immer so, daß ich nach einer Stunde klatschnaß geschwitzt bin und erstmal duschen muß, weil mich das so streßt und erschöpft. Das ist in drei oder vier Jahren kein bißchen besser geworden, und sowas wie einen Gewöhnungseffekt gibt es bei mir leider nicht.

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