Use What You Have #11

In den letzten Wochen habe ich vermutlich die schlimmste Zeit mitgemacht, seit ich vor 14 Jahren aus dem Krankenhaus gekommen bin. Dreieinhalb Wochen war ich ans Bett gefesselt und das hat mich noch weiter aus meinem Alltag herausgehoben. Ich war sehr dankbar dafür, daß ich eine große Sammlung an Hörbüchern habe, und ich habe auch angefangen, eine Serie zu gucken, die bei amazon Prime verfügbar ist (Homeland). Ansonsten haben wir vermutlich bloß mit dem einen UWYH-Essen pro Woche weitergemacht. Highlights waren frittierte Reisbällchen mit scharfer Sauce, gebackene Möhren mit Falafeln und – supersimpel – Kartoffelpüree aus der Tüte mit Erbsen und Würstchen.

Seit ein paar Tagen sitze ich wieder auf dem Sofa, verknüpft mit anderen Möglichkeiten der Tagesgestaltung und leider begleitet von Panikattacken, weil ich halt nicht weiß, wann es das nächste Mal wieder so schlimm wird. Ich versuche, zu lesen, zu lernen und auch ansonsten halbwegs sinnvolle Dinge zu machen, aber das alles täuscht natürlich nicht darüber hinweg, daß meine Situation genauso weit von der Normalität entfernt ist wie mein Sofa vom Mond. Eine instabile emotionale Situation ist für mich absolut untypisch und ich fühle mich zwischen Angst, rationalen Überlegungen, Vorfreude auf Künftiges und Trauer um alles Mögliche hin- und hergerissen. Ich bin gar nicht ich selbst. Gedanken an Downsizing, Minimalismus und Co. treten nur in dem Kontext auf, in dem ich darüber nachdenke, wohin ich denn ziehen würde, wenn ich ab sofort mein Leben komplett im Rollstuhl verbringen muß – denn dann macht das Leben in einem nicht-barrierefreien Haus mit Winzbad keinen Sinn [Kandidaten dafür wären u.a. Norddeutschland Richtung Küste oder zurück ins Ruhrgebiet, da aber irgendwo an den grünen Stadtrand]. Müßte ich innerhalb der nächsten zwei Jahre umziehen, würde ich nochmal alles gründlich durchgucken und nur mitnehmen, was ich wirklich noch haben will. Mich machen diese Gedanken zwar traurig, gleichzeitig merke ich aber auch, daß sie mir eine Perspektive öffnen, die ich gerade brauche. Es geht nicht um einen konkreten Plan, sondern nur darum, mental wieder beweglich zu werden (tatsächlich verharre ich seit Monaten körperlich möglichst starr, weil jede kleinste Bewegung zum Teil höllisch schmerzt, und das führt auch zu einer starren mentalen Haltung). Und wenn das dann eben doch mein Schicksal ist, dann trifft es mich nicht so unvorbereitet. Für immer so zu verharren, ist jedenfalls keine Option. Mein Leben wäre schon um einiges besser, wenn ich mit dem Rolli alle Bereiche meines Wohnraumes erreichen und nutzen könnte und wenn es die Möglichkeit gebe, aus dem Haus zu kommen, z.B. durch einen Aufzug oder eine Rampe. Gleichzeitig hoffe ich in meinen rationalen Momenten einfach darauf, daß es eine Lösung gibt. Jeder, der schon mal einen Hexenschuß hatte oder mit dem Fuß umgeknickt ist, weiß, daß eine Dauerfehlhaltung zu einem Rattenschwanz an Folgeschäden und -schmerzen führen kann. Das trifft bei einem supersensiblen Aspie-Körper, der ohnehin behindert und unfit ist, nochmal mehr zu. Ja, und so schwanke ich dann zwischen all diesen emotionalen Höhen und Tiefen, was mich furchtbar nervt und destabilisiert, weil ich so nicht bin.

Vielleicht kann ich diese große Kacke auch nochmal irgendwann unter „Lebenslektionen“ verbuchen, die es eigentlich nicht gebraucht hätte. Ich habe schon vorher gewußt, daß das Allerwichtigste nicht Besitz, sondern Freiheit ist. Das fängt dabei an, frei zu sein, wann immer man will oder muß, auf’s Klo zu gehen, erstreckt sich aber auch darauf, das Haus verlassen zu können, wann man will, und erreicht auch Dinge wie Urlaubsreisen, Bibliotheks- und Friseurbesuche und sowas. Mit einer Behinderung zu leben, heißt für mich zwangsweise, daß ich eine Menge Zeug brauche, auf das andere verzichten können, aber letztlich sehe ich einen großen Unterschied zwischen dem, was ich wirklich brauche, und dem ganzen anderen Kram, der lediglich Luxus ist. Schuhe/Kleidung, die funktioniert, ein Bett, in dem man schlafen kann, Nahrung, die man verträgt, und ein Ort, an dem man sich waschen kann sowie ein Klo und ein paar Spielsachen für Körper und Geist – das braucht man. Der Rest ist Luxus. Jedenfalls sehe ich das so.

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