Schlafende Sprachen

Ich habe seit Februar 2019 nicht viel Spanisch gemacht, verglichen mit den zweieinhalb Jahren zuvor, wo ich mich jeden Tag mehrere Stunden mit der Sprache beschäftigt hatte. Seither habe ich mich Norwegisch (und zeitweise Französisch) gewidmet und zwischendrin immer mal wieder Abstecher in andere Sprachen gemacht. Videos, Filme oder Bücher habe ich seither praktisch nicht auf Spanisch konsumiert und ich hatte auch keinerlei Einzelunterricht, wohl aber seit Anfang dieses Jahres nahezu wöchentlich Gespräche mit Tandempartnern. Diese sind aber erfahrungsgemäß immer ganz anders als Unterrichtsstunden, weil man sich halt nicht auf sich selbst konzentrieren kann, sondern dem Austauschpartner ja auch ein angenehmes Lernerlebnis bereiten möchte (jedenfalls ist das meine Maxime).

Ich hatte mir dann seit dem Sommer 2019 drei VHS-Kurse gebucht, die aber wegen der üblichen VHS-Semestereinteilungen nicht regelmäßig jede Woche seit Juli stattfanden. Insgesamt werden das bisher so etwa 16×90 Minuten in einer kleinen Gruppe gewesen sein. Ich habe diesen Kurs gebucht, weil ich dachte, daß er mir dabei helfen würde, die Basics aufzufrischen, denn da ich Spanisch sehr liebe, wäre es schon eine Tragödie für mich gewesen, viel davon zu vergessen. Das Ding ist aber, daß man in solchen Kursen allgemein nicht wirklich zum Sprechen kommt. Das hat mehrere Gründe und ich denke, über meine Erfahrung mit so einem Kurs schreibe ich mal gesondert.

Nun habe ich vor ein paar Wochen das Gefühl entwickelt, daß mein Norwegisch jetzt auf einem so sicheren Stand ist, daß ich mich wieder anderen Sprachen zusätzlich widmen kann. Ich bin offensichtlich ganz schlecht darin, mehrere Sprachen gleichzeitig von der Pieke auf zu lernen, und brauche immer so zwischen anderthalb und zweieinhalb Jahren, um mich so sicher zu fühlen, daß sich die Sprachen nicht ins Gehege kommen. Die Frage war nun aber: wie ist das, wenn ich eine Sprache – in diesem Fall Spanisch – von grundauf gelernt habe und dann, gerade mal zweieinhalb Jahre nach dem Beginn, eine längere Pause von anderthalb Jahren einlege? Kann ich sie dann immer noch fließend sprechen oder hakt es an allen Ecken und Enden? Die Erfahrungen im Kurs ließen mich das Schlimmste befürchten. Im Kurs habe ich ständig Aussetzer, erinnere mich z.B. nicht an Vokabeln oder Formen oder kann mich allgemein nur sehr holprig ausdrücken. Gefühlt Niveaustufe B1 und nicht C1.

Ich habe mir jetzt also eine Lehrerin gesucht, mit der ich wöchentlich 60 Minuten Spanisch reden kann. Über meine Themen, in meinem Tempo und in möglichst relaxter Atmosphäre. Für mein Aspie-Gehirn ist die Exposition Menschen gegenüber immer Streß und tatsächlich bin ich nach einem Austauschgespräch oder Kurs immer klatschnaß geschwitzt. Reduzieren kann man den Streß nur, indem man sich Menschen sucht, die in sich selbst ruhen und das auch ausstrahlen, und indem man eine gewisse Regelmäßigkeit und Vertrautheit miteinander entwickelt. Gerade Erstgespräche sind immer zittrig und machen mich total nervös.

Heute hatte ich meine erste Stunde mit der neuen Lehrerin, einer Frau aus Mexiko. Bislang hatte ich eigentlich nur Spanier als Lehrer und dachte, es wäre gewiß interessant, mal ein wenig mehr lateinamerikanisches Spanisch zu machen. Die Stunde war richtig cool. Noch am Nachmittag hatte ich mir einen abgebrochen bei meinem VHS-Kurs (der gerade online stattfindet) und als sich dann zwischen der Mexikanerin und mir ein Gespräch entspann, war quasi alles schlagartig wieder da. Hätte ich nicht gedacht und es macht mich sehr glücklich.

Ich stelle mir vor, daß Sprachen, die man nicht dauerhaft benutzt, einschlafen, aber daß man sie wecken kann. Dazu braucht man aber auch das passende Umfeld und die passenden Reize, die die Sprache wieder hervorlocken. Ich glaube, das hängt möglicherweise bei mir auch mit der Langeweile zusammen, die ich sehr schnell empfinde und nur schwer aushalte, wenn ein Thema mich anödet. Wenn es um Themen geht, die mich nicht reizen, drifte ich gedanklich sehr schnell ab und beschäftige mich mir Interessanterem. In der 1:1-Situation mit der Lehrerin kann ich besser steuern, worüber ich reden möchte, als in einem Kurs, und das trägt sicher dazu bei, daß mein Gehirn dann schneller/effizienter Vokabeln ausspuckt.

Mich bestätigt diese Erfahrung jetzt darin, wie ich lerne. Statt einer Sprache 15 Minuten täglich zu widmen, werde ich ziemlich Maniac und setze mich ihr einige Stunden lang täglich aus, vor allem im ersten Lernjahr. Dadurch schaffe ich mir eine gute Basis, auf die ich mich später verlassen kann. Neue Vokabeln und Formulierungen kann ich später immer noch dazulernen, aber ich muß eine Sprache systematisch und sehr fundiert erlernen, damit das ganze nicht auf tönernen Füßen steht. Wenn das Fundament stimmt, geht bei mir nichts mehr schief. Das finde ich eine sehr beruhigende und schöne Erkenntnis.

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