Mit dem auskommen, was man schon hat

Das hier ist Versuch Nummer 6, über ein vordergründig so einfaches Thema wie Genügsamkeit zu schreiben. Während ich aber die vorangegangenen fünf Entwürfe zu diesem Thema verfaßte, fiel mir auf, daß alle in andere Richtungen führten. Mal wurde es sehr politisch, mal eher psychologisch mit Bezug auf Autismus, dann wieder gesellschaftskritisch bis misanthropisch. Eigentlich ja sehr spannend, aber eben nicht zielführend, wenn man versucht, über Konsumkritik zu schreiben 🙂

Die Kernaussage in allen diesen Entwürfen war dieselbe: ich kenne alle meine Besitztümer, weiß bei jedem einzelnen Teil, woher ich es habe und wo es sich befindet, und ich sehe schon lange keinen Sinn mehr darin, meinen Besitz immer weiter auszudehnen. Stattdessen benutze ich gern das, was ich bereits habe, wie etwa Bücher, Stifte, Gewürze, Kleidung und Deko, um mal nur ein paar Beispiele zu nennen. Der Heimwerker und Handwerker vor dem Herrn bin ich nicht und ich mag auch Basteln nicht besonders, weswegen ich in der Regel nichts upcycle – oder nur da, wo es superoffensichtlich ist, was man mit einem Ding anstellen kann. Unbenutzte Dinge sortiere ich regelmäßig aus, allerdings ist für mich nicht relevant, ob Sachen nun Joy sparken oder nicht, weil ich es ganz lakonisch sehe: manche Dinge benutze ich einfach ihrem Zweck gemäß, und ein grüner Schneebesen schlägt Saucen genauso gut wie ein silberner und der Sauce ist seine Farbe egal – und mir auch, solange er nur seinen Job tut.

Dinge zu kaufen und sie dann nicht zu benutzen, löst in mir ein ungutes Gefühl aus, fast so, als würden sie einen milden Vorwurf aussenden. Mir ist natürlich klar, daß das aus mit selbst kommt und in meiner Erziehung verankert ist. In meiner Kindheit habe ich keine Armut erlebt (später aber schon), doch trotzdem wurde ich zu Sparsamkeit und Genügsamkeit erzogen. Ich hatte weder ganze Schränke voller Klamotten noch mehr als fünf Spiele und habe es wirklich überlebt 🙂 Tatsächlich glaube ich, daß mir diese Erziehung heute noch immer zugute kommt, und zwar nicht nur in Hinblick auf das Geld, das ich nicht ausgebe, sondern auch durch das Kultivieren des Gefühls von Fülle und Dankbarkeit.

Ja, ich glaube, das lasse ich jetzt mal so stehen, denn ich merke, daß ich gedanklich schon wieder viel weiter bin als meine Finger 🙂

Noch kurz ein paar Stichpunkte/Gedanken zu diesem Thema in der Praxis:

  • bevor ich neue (Lehr)Bücher kaufe, erstmal gucken, was ich schon habe – Sprachenlernen ist mein Spezialgebiet und da bin ich immer eher bereit, Geld auszugeben als in anderen Gebieten. Dennoch habe ich eine Unzahl an Grammatik- und Übungsbüchern, auch für Sprachen, die ich aktuell nicht lerne. Auch sind Bibliotheken sehr hilfreich!
  • Blöcke, Stifte und anderer Bürokram ist für mich ebenfalls verlockend, so daß ich mich darum bemühe, auch hier Sachen aufzubrauchen. Eine hübsche Kladde geht nicht in Rauch auf, weil auf ein paar Seiten Russischnotizen sind und da jetzt Norwegisch rein soll 🙂 Nachfüllpackungen und -minen sind obligat. Wichtig: nur Material kaufen, das man auch wirklich mag und daher tatsächlich benutzt.
  • regelmäßige Checks des Vorratsschranks helfen dabei, Lebensmittel rechtzeitig zu verbrauchen. Ein paar Reste-Rezepte in petto zu haben, ist dabei sehr nützlich. Nicht vom Rezept zu den Zutaten denken, sondern von den vorhandenen Zutaten zum Rezept.
  • nicht alle Dinge werden zu jeder Zeit gleichviel geliebt oder benutzt. Manchmal hilft ein wenig Abstand, damit man wieder an einer Sache Interesse entwickelt. Nach zwei bis fünf Jahren verabschiede ich mich allerdings von Dingen, es sei denn, mein Herz hängt wirklich sehr an ihnen (ich würde z.B. niemals Spielzeug aus meiner Kindheit weggeben, das ich seit 30 Jahren hüte und liebe).
  • manchmal braucht man neue Impulse (Videos, Bücher, Gespräche), um etwas, das man schon besitzt, in neuem Licht zu sehen oder ihm neue Verwendungszwecke zuzuordnen.
  • bevor ich ein neues Hobby starte, gucke ich immer erstmal, ob mir ein altes Hobby nicht doch noch wieder zusagt. Wenn es das Neue sein soll, schaue ich, ob ich dafür evtl. schon Material habe.
  • lose Enden einfangen! Meist hat man ja doch ein paar Projekte auf Halde liegen, für „später mal“. Warum nicht für jetzt?
  • Teilen macht Freude. Bücher (außer Sprachlernkram und absolute Lieblingsbücher) halte ich nicht mehr fest, sondern setze sie in den Bücherschrank. Manchmal lohnt sich auch der Verkauf. So werden Ressourcen für andere Bücher frei. Funktioniert auch für andere Dinge.
  • wichtig: sich trauen, Dinge tatsächlich zu benutzen, und sie nicht für ewig aufheben. Was weg ist, ist eben weg.
  • Ordnungssysteme helfen, die Übersicht zu bewahren. Ich selbst hake auch gern To-Do-Listen ab.
  • wenn neue Abos (wie z.B. Lernhilfe-Podcasts oder so), dann erstmal die bereits abonnierten durchgucken, ob man davon alle behalten will. Gilt insbesondere für alles, was kostenpflichtig ist!

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