WochenendRückblick #130: Paris

Das vergangene Wochenende haben der Mann und ich in Paris verbracht. Alles in allem hat sich die Stadt diesmal so ganz anders angefühlt als noch vor anderthalb Jahren. Es war sehr viel voller. Unfaßbar voll. Und sehr, sehr laut. Wir hatten uns ein Hotel jenseits der Periphérie gebucht, also außerhalb von Paris, und das fühlte sich für mich nicht wie das richtige Paris an. Die Unterkunft war auch aus anderen Gründen problematisch. Es gab z.B. keinen Lattenrost, sondern nur ein Holzbrett mit einer dünnen Matratze – ich bin halt keine 20 mehr.

Flüchtlinge kampieren auf den Autobahnzubringern, Zelt an Zelt. An den Ampeln und auf den Parkplätzen der Supermärkte wird offensiv gebettelt. Sie hinterlassen bergeweise Müll, der überall rumfliegt. Das nervte mich schon sehr, auch deswegen weil mein Land so viel Kohle raushaut, um sehr viel mehr Flüchtlinge vernünftig zu versorgen als Frankreich, und daß Frankreich es dann nicht hinkriegt, den vergleichsweise wenigen Flüchtlingen dann auch nur rudimentärste Bedürfnisse (Klo, fließendes Wasser, Unterkunft etc.) zu erfüllen.

Das Wochenende in Paris fühlte sich an wie ein Ausflug in eine Welt, die ich nicht mehr kenne. Ich bin gerade mal Anfang 40 und habe irgendwie den Anschluß verpaßt. Ist vielleicht auch ein Asperger-Ding, aber ich kam nicht umhin, festzustellen, daß ich dem, was in der Welt so abgeht und was offensichtlich das Normal von heute ist, nicht mehr folgen kann. Wenn ich mit meiner Freundin darüber rede, zeigt sich, daß sie mit denselben Schwierigkeiten zu kämpfen hat, und darum vermuten wir, es könnte wirklich am Asperger liegen, daß man sich so abgehängt und orientierungslos fühlt.

Dazu kommt, daß ich derzeit deutlich merke, daß ich eben nicht mehr jung bin und nicht mehr alle Möglichkeiten offen sind. Ich habe gewisse Entscheidungen für mein Leben getroffen, und auch wenn z.B. die Idee, ein Jahr nach Paris zu gehen, toll klingt, würde ich das alles in allem wohl doch nicht wollen. Es wäre mir zu viel. Zu viele Leute, zu viel Lärm, zu viele Dinge. Vielleicht sehe ich heute, wo ich die Diagnose Autismus habe, diese Sachen nur endlich mal wirklich klar. Ich brauche sehr viel Ruhe und auch Raum. Eine kleine Kemenate mit 12 Quadratmetern reicht mir nicht mehr. Meine Ansprüche haben sich verändert. Ich kann und will gar nicht mehr so sein wie mit 20 oder 30. Es ist okay, daß ich bestimmte Lebenskonzepte niemals leben werde. Es ist völlig okay, daß ich kein Öko-Hippie sein werde, der im Bauwagen haust. Oder ein Subsistenzbauer im Tiny House. Oder ein WG-Mensch in einem Mehrgenerationenhaus. Tolle Konzepte, aber für mich selbst, mit Behinderung und Autismus und allem einfach eine Utopie. Eine, die mich noch nicht mal glücklich machen würde. Ich habe jetzt sehr lange damit gehadert, daß so viele Dinge für mich nicht funktionieren, aber irgendwie sehe ich gerade sehr klar, daß es für mich nur darauf ankommt, ein Leben zu finden, das zu mir paßt. Klar ist es toll, wenn man mit dem Rucksack durch Asien touren kann. Aber ich sitze im Rolli und es geht nicht. Da ist es schön, daß andere Dinge gehen. Das reicht auch.

Alles in allem haben die Tage in Paris mir ziemliche Klarheit in einigen Dingen gebracht, über die ich froh bin.

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