Barrieren beim Lernen, Autismus-Edition

In den letzten Wochen habe ich stringent am C de C1-Buch gearbeitet, das ich in meinem Spanischkurs im vergangenen Semester kennengelernt hatte. Da ich den Kurs nicht weiterführe, wollte ich doch zumindest den Großteil des Buches für mich selbst erarbeiten. Ich hasse ja nichts mehr, als viel Geld für Medien auszugeben, die ich dann nicht nutze 🙂 Beim Arbeiten mit dem Buch bin ich aber immer wieder mit Problemen konfrontiert, die nichts mit der Sprachbarriere an sich zu tun haben:

  • das Buch an sich: es ist größer als DIN A 4 und daher sehr unhandlich. Das Papier ist glatt und die Ecken nicht abgerundet, so daß ich es als enorm scharfkantig und glitschig empfinde. Habe ständig Sorge, mich an den Seiten zu schneiden oder mich an den Ecken zu stoßen
  • die Gestaltung: es gibt unzählige Schriftarten und -größen. Ich denke, das soll den Textkorpus optisch auflockern und daher den Eindruck erwecken, es ginge um kleine Häppchen. Für mich ist diese Vielfalt aber optischer Lärm und sehr verwirrend. Dazu kommt, daß die Schrift trotz all dem Platz im Buch superklein ist und daher anstrengend zu lesen. Illustrationen und Bilder sind oft schief eingefügt, was vermutlich wiederum der Auflockerung dienen soll, für mich trägt das allerdings dazu bei, daß das alles überwältigend bunt, schief, schrill und aufdringlich wirkt
  • die Videos und Audiodateien: um diese aufrufen und vernünftig mit dem Buch arbeiten zu können, muß man sich auf der Homepage des Verlags einen Account einrichten, was mich grundsätzlich stört, weil ich es vermeide, mich an zig Orten zu registrieren. Dann muß man das Buch, mit dem man arbeitet, aus einer Liste heraussuchen (bzw. steht genau das C de C1-Buch nicht darin und man muß über die Suchfunktion gehen). Die Audiodateien haben immer eine Textdatei dabei, so daß man mitlesen (oder nachlesen) kann. Die Videos haben das nicht, wohl aber Untertitel. Leider helfen die Untertitel nicht immer, z.B. wenn die Leute sehr schnell reden und man so schnell nicht mitlesen oder ständig pausieren kann. Die Videos enthalten oft eine Musik- neben der eigentlichen Audiospur, was vom Inhalt ablenkt.
  • die Aufgaben im Buch: zum Teil sind sie vollkommen offen oder sinnfrei formuliert. Beispiel: „Der Autor präsentiert die Datenerhebung als Schlüsselfaktor für den Wahlerfolg von Obama. Warum?“. Die logische Antwort darauf wäre: na, weil er eben dieser Meinung ist. Zum Teil setzen die Fragen auch voraus, daß man ein großes Hintergrundwissen über Themen wie Politik, soziale Netzwerke etc. hat, welches ich nicht habe. Auch wird vorausgesetzt, daß man zu allem eine Meinung hat oder sich diese bilden kann.

Mir geht es nicht darum, daß Lehrbücher auf die Bedürfnisse von Autisten abgestimmt sein sollen (das wäre sowieso utopisch, denn kennst Du einen Autisten, kennst Du einen Autisten), sondern nur darum, aufzuzeigen, welche Barrieren ich überwinden muß, um überhaupt mit dem Buch zu arbeiten. Arbeite ich allein mit dem Buch, kann ich über vieles hinweglesen. Aufgaben, die von mir eine Meinung einfordern, die ich nicht habe, kann ich ignorieren. Im Kurs jedoch war das immer ein sehr peinlicher Moment, wenn ich sagen mußte: „ich weiß es nicht. Keine Ahnung. Ich habe dazu keine Meinung. Nie gehört“.

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