Aufräumchallenges, Influencer und Zeug

Anfang Januar passierte auch dieses Jahr das, was immer passiert. Leute haben gute Vorsätze und fangen an, ihren Hausstand auszumisten, schließen ein Abo für das Fitness-Studio ab, kaufen „Superfoods“ oder machen gleich eine Diät. Total motiviert. In fünf Wochen wird davon bei den meisten nichts mehr übrig sein. Habe neulich tatsächlich gelesen, daß fünf Wochen sozusagen die Schmerzgrenze sind: wenn man es schafft, danach noch weiterzumachen, ist man über den Berg. Die Yogis mit ihren 40 Tagen liegen also goldrichtig.

Ich fasse eigentlich seit Jahren keine Vorsätze mehr, sondern stelle stattdessen Pläne auf. Der Unterschied ist für mich, daß ein Vorsatz recht schnell gekippt werden kann, aber wenn man einen sinnvollen Plan hat, der von Anfang so angelegt ist, daß man ihn schaffen kann, bildet das einen größeren Anreiz, durchzuziehen, was man sich vorgenommen hat. Ein Plan erscheint mir verbindlicher als ein Vorsatz. Schon das Wort „Neujahrsvorsatz“ klingt nach Aufgeben. Ein Plan ist etwas, das man abarbeiten und verwirklichen kann Ein Vorsatz ist mehr sowas wie eine vage Idee oder ein Wunsch. Jedenfalls klingt das für mich so.

Ich habe auf diversen Plattformen und auch in Blogs über Aufräumchallenges gelesen und war eigentlich gleich begeistert und dachte, da werde ich mitmachen. Heute ist nun Tag 16 dieser Challenges und bislang habe ich nichts aufgeräumt oder weggeworfen. Weil dazu keine Notwendigkeit besteht. Ich habe mir ja im September einen riesigen Schrank gekauft. Dieser ist zu 60% leer und das gefällt mir auch so. In meinem Zimmer habe ich ein Hängeregal mit vier Einlegeböden, in dem nur ein Windlicht steht. Auch das gefällt mir so. Ich habe ja 2018 sehr viel optischen Lärm durch die Anschaffung von Stauraum beendet und dabei gleich aussortiert, was mir z.B. nicht mehr paßte. Viel war es nicht. Und das, was noch da ist, ist auch nicht viel. Aber mir reicht das. Dazu kommt, daß ich, glaube ich, ein total typischer Autist bin: ich kaufe Kleidung gern stapelweise. Im letzten Herbst habe ich mir z.B. jeweils sieben Kurz- und Langarmshirts in Schwarz gekauft. Das ist meine normale Garderobe, eigentlich schon seit Jahren. Wann immer ich mir andere Sachen kaufe, werden sie nicht benutzt, also lohnt das einfach nicht. Für draußen habe ich dann noch vier Pullis, fertig.

Die Ideen, die die Macher solcher Aufräumchallenges haben, finde ich allesamt sehr gut. Also, auch mal Photos und das Portemonnaie aufräumen, das Gewürzfach in der Küche reinigen oder Filme aussortieren. Es ist nur so, daß ich nichts aufzuräumen habe. Das Einzige, was aufzuräumen wäre, sind interessanterweise zwei Bereiche meines Hauses, für die ich nicht zuständig bin, weil dort nichts von mir lagert: Keller und Schuppen. Und da ich nicht für sie zuständig bin und es an beiden Orten Insekten gibt, mische ich mich da nicht ein.

Ende Januar bekommen wir für unser Haus nochmal ein paar Schränke, und dann werden ein paar Ecken, die mir gerade noch zu chaotisch sind, endlich aufgeräumt. Wobei ich da nichts aussortieren werde. Nur wenn es an adäquatem Stauraum mangelt, kann man Dinge einfach nicht effektiv verräumen. Ich bekomme z.B. einen großen Eckschrank für das Wohnzimmer. Bisher standen da zwei Bücherregale, die dann aber – mit neuen Türen dran – in den Hausflur umziehen. Dann kann ich jedenfalls meine ganzen Vokabelkarten (das sind inzwischen mehrere tausend) in Kästen einsortiert in den Schrank legen und habe mehr Platz an anderer Stelle. Sowas liebe ich total, also, wenn Dinge einen klar definierten Ort haben. Und wenn ich sie dann auch noch hinter einer Schranktür verstecken kann.

Während ich also diese ganzen Aufräumchallenges verfolge, gelange ich auch auf Seiten von „Influencern“. Das kann jetzt wieder so ein Autismusding sein, aber ich verstehe das System der Influencer nicht. Eigentlich weiß doch jeder, daß diese nur eine Scheinrealität auf sozialen Plattformen vertreten. Mit welchem Ziel? Klar, Geld zu verdienen. Aber wenn das jeder weiß, wieso kann es dann sein, daß diese Leute auch noch derart bejubelt werden für das, was sie (vorgeblich) tun, also z.B. ein low carb Leben führen und knapp bekleidet Algensmoothies schlürfen und so tun, als wären die lecker? Vielleicht ist das auch eine Altersfrage. Vielleicht bin ich zu alt und habe zuviel Lebenserfahrung, um mir vorgaukeln zu lassen, das wäre eine echt gute Idee (in dem Fall z.B. Low Carb). Ich weiß es nicht. Mir kommt das sehr merkwürdig vor. Umso merkwürdiger, weil es künstlich ist und jeder weiß, daß es künstlich ist, weil aber trotzdem so getan wird, als wäre es das nicht. Hm. Besonders seltsam finde ich dann auch, wenn mir Küken von 22 Jahren DAS Rezept für ein erfolgreiches Leben verkaufen wollen, sofern ich halt ihren kostenpflichtigen Kurs buche (also, damit SIE erfolgreich sind). Herrje, erfolgreich zu sein, ist doch kein Hexenwerk. Stelle einen Plan auf, skippe alle Ausreden und zieh es durch. Damit kann man Geld verdienen? Vielleicht bin ich ja auch schön blöd, daß ich dafür jetzt nix kassiert habe…

 

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