Italienisch lernen #16

Diese Woche habe ich vorrangig Spanisch gelernt – hat mir auch wirklich gut getan. Für Italienisch habe ich aber Vokabeln wiederholt (Karten und Babbel) und ein paar Videos geguckt. Weil es mir hilft, wenn Leute Alltagskram machen und den kommentieren, habe ich vor allem Aufräum- und Haushaltsvideos geguckt, z.B. das hier. Mir geht es dabei also nicht um den Inhalt (Leuten beim Aufräumen zuzugucken, finde ich ziemlich sinnlos, so für sich betrachtet), sondern um die Anwendung der Sprache im Alltag.

Desweiteren hatte ich zwei sehr hilfreiche Gespräche über das Sprachenlernen allgemein. Im ersten ging es um das fließende Sprechen (Niveau C1 bis C2). Wann spricht man fließend? Muß man alles verstehen und alles sagen können (wie ein Muttersprachler), damit man behaupten kann, fließend zu sprechen? Ich finde, nein. Es reicht, wenn ich 90% verstehe (starke Dialekte oder umgangssprachliche Ausdrücke mal außen vor – die verstehen Muttersprachler zum Teil selbst nicht) und mich so ausdrücken kann, daß mein muttersprachliches Gegenüber keine Langweile entwickelt, während es mir zuhört. Manchmal wird gesagt, daß man nur dann fließend spricht, wenn man ein hohes Sprechtempo hat. Das halte ich für Quatsch, denn jeder Mensch (und das hängt auch von seiner Muttersprache ab) hat ein eigenes Sprechtempo. Da spielen auch noch andere Dinge als die Muttersprache rein, z.B. neurologische Probleme wie Autismus oder ganz allgemein Schüchternheit und der eigene Charakter. Jemand, der sehr bedachtsam und gemächlich ist, wird in der Regel auch ein eher langsameres Sprechtempo haben (aber es kann auch das Gegenteil der Fall sein, also daß er in einer Fremdsprache dann plötzlich völlig aufdreht. Polyglotte Menschen sagen oft, daß, wenn sie in einer anderen Sprache sprechen, es ist, als würden sie in eine andere Rolle oder Persönlichkeit schlüpfen). Fließend sprechen zu können, heißt für mich, daß ich auch mal Unwissenheit (weil mir eine Vokabel fehlt oder ich nicht weiß, welche Zeitform richtig ist) kommunizieren kann, ohne das Gespräch zu unterbrechen. Ein Beispiel in Englisch:

„And when we finally arrived at the platform, I had forgotten the….hum, how do you call that card you need to enter a train again? Ah, yes, the ticket. I had forgotten the ticket, can you believe it? So I had to buy another one and….“

Fehlerfreies Sprechen an sich würde ich hingegen nicht unbedingt als fließendes Sprechen bezeichnen, z.B. wenn freie Rede so aussieht:

„And…….when………we……..finally…….arrived……..“

Wenn also sehr große Denkpausen gemacht werden müssen und sich keinerlei Sprachmelodie ergibt, ist das für mich kein fließender Sprachgebrauch. Ich würde sagen, da mangelt es dann nur an Übung, aber die braucht man eben, auch um die Melodie einer Sprache an sich zu verinnerlichen. Dieses Verinnerlichen einer Sprache ist für mich auch damit verbunden, daß man irgendwann anfängt, in der Sprache zu denken. In der Regel ist das ja ein Prozeß und kein schlagartiges Umschalten, obwohl man das trainieren kann. Je mehr man sich mit einer Fremdsprache umgibt, desto wahrscheinlicher ist es, daß man in Alltagsituationen plötzlich genau die Formulierung im Kopf hat, die man in der Fremdsprache benutzen würde, um zu sagen, was man gerade tut.

[Mir fällt gerade auf, daß es auch mal interessant wäre, über Sprachassimilierung zu schreiben]

Unterm Strich kann ich festhalten: fließendes Sprechvermögen umfaßt für mich ein sehr gutes Verständnis dessen, was ich höre/lese, die Fähigkeit, mich spontan und flüssig auszudrücken und auf mein Gegenüber zu reagieren, während ich eine gewisse Sprechmelodie beibehalten und hier und da auch mal idiosynkratische Bauteile einstreuen kann (Umgangssprache, Sprichwörter, Standard-Lieblingsformulierungen der Zielsprache). Ohne Letzteres bleibt die Sprache eben einfach hölzern.

Das zweite sehr inspirierende Gespräch diese Woche war kurz, aber hilfreich. Mein Gegenüber warf die Frage auf, ob es nicht genüge, wenn man eine Sprache bis zu einem Niveau lernt, mit dem man sich als Tourist in den meisten Situationen (Hotel, Restaurant, Eintrittspreise) behelfen kann. Da ich dazu neige, Dinge obsessiv zu machen (Asperger läßt grüßen), war diese Frage für mich verblüffend und empowernd. Ich „muß“ nicht jede Sprache auf Niveau C1 beherrschen. Was mich daran so gepackt hat, war, daß ich auch deswegen mit Italienisch innere Kämpfe ausfechte, weil mich diese Sprache einfach nicht wirklich packt. Spanisch bringt mein Herz zum Singen und das war von Anfang an so, um es mal sehr schwülstig auszudrücken. Italienisch ist ok, aber es brennt nicht so in mir.

2 Gedanken zu „Italienisch lernen #16“

  1. Hi!

    Zum Thema Sprachassimilierung…
    Vor einiger Zeit habe ich im Vlog einer Amerikanerin, die in Deutschland lebt, gehört, dass es für sie teilweise schwer ist in die Muttersprache zurück zu finden, weil sie irgendwann begonnen hat auch in der neuen Sprache zu denken. Der Wortschatz des Englischen im Gedächtnis wurde also nach und nach ein bisschen nach hinten gedrängt. Sie kommt jetzt öfter in die Situation, dass ihr bei Telefonaten mit Verwandten oder Heimatbesuchen Worte nicht gleich einfallen. Außerdem redte sie mit ihrem Mann ein echtes „Denglisch“, also ein Kauderwelchs aus Englisch und Deutsch. Ich finde das super spannend, denn ich frage mich ob sich das auf (Sprach-)Grenzgebiete übertragen lässt, in denen durch alltäglichen Austausch die Sprachen stark verschwimmen, wie bei uns im Elsass. Ich kenne diese Sprachvermisschung aus vielen Familien, die mehrsprachig leben. Eine frühere Freundin von mir kam aus Polen und ich erinnere mich daran, dass auch sie daheim mit ihren Eltern eine Mischung gesprochen hat, in der mal polnische, mal deutsche Worte benutzt wurden.

    Ich wünsche dir eine schöne Woche! 🙂
    C.

    1. Ja, das kenne ich auch ein bißchen. Bei mir war das mit Englisch der Fall (aber nicht weil ich im Ausland gelebt hätte, sondern weil meine Muttersprache für mich zum Teil so stark mit Triggern besetzt war, daß ich jahrelang auf Englisch dachte/träumte/las/fernsah etc.). Ich denke, wenn man im Ausland lebt, ist das noch sehr viel stärker ausgeprägt, als das jetzt bei mir war.
      Daß mehrsprachige Familien Mischsprachen miteinander sprechen, habe ich auch schon oft mitbekommen. Die Spanischlehrerin, bei der ich gerade bin, macht das zum Teil auch mit mir und das finde ich superspannend, weil das ja vor allem zeigt, wie ihr spanisches-Muttersprach-Gehirn heute so funktioniert. Ich denke, das hängt zum Teil auch damit zusammen, daß unterschiedliche Sprachen unterschiedliche Qualitäten haben. Englisch ist in meinen Augen z.B. ideal für Smalltalk. Das ist einfach so angelegt. Deutsch hingegen kann Dinge zum Teil viel präziser ausdrücken als Spanisch, auch weil wir Komposita und Wortneuschöpfungen verwenden/bilden können.

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