No No Waste

In letzter Zeit habe ich bei vielen Leuten mal wieder reingelesen, die ich seit Jahren über’s Netz kenne, aber aus den Augen verloren hatte. Ich habe dabei festgestellt, daß sich bestimmte Themen gerade bei vielen wiederholen, vor allem vegane Ernährung, Nachhaltigkeit/No Waste und sowas. Das sind alles Dinge, die mir auch mal wichtig waren. Zum Teil so wichtig, daß ich darüber ein Buch geschrieben habe. Seither sind vier, fünf Jahre vergangen, von denen ich drei Jahre intensiv in der Therapie an mir gearbeitet habe. Heute wird mir bewußt, daß viele Dinge, die ich damals wichtig fand, für mich nur deswegen so gut und wichtig erschienen, weil ich mich selbst nicht gespürt habe. Ich habe andere und auch andere Werte an die erste Stelle gesetzt, nur eben nicht mich.

Ich habe in vielen Hinsichten schon sehr frugal gelebt und fand das gut so. Alles auf Minimalismus eingestellt, nur nichts verbrauchen, möglichst viel selbermachen. Das kann natürlich funktionieren, aber vermutlich geht das nur druckfrei bei Menschen, die kein so krasses „100 Prozent oder gar nicht“-Denken haben wie ich. Für mich war das Verzicht. Und Streß. In der Weihnachtszeit dem ganzen Glitzer ausgesetzt sein und das alles zu ignorieren versuchen. Wozu einen Tannenbaum? Die armen Bäume! So halt. Dabei ist für mich eine Menge Spaß auf der Strecke geblieben. Vielleicht wollte ich das sogar, als subtile Art von Selbstverletzung und -kasteiung.

In der Therapie habe ich gelernt, daß ich mir sehr wohl Dinge gönnen darf. Daß ich das wert bin. Ich darf einen Tannenbaum haben und mir ein Geschenk wünschen. Ich darf Sachen mit Verpackung kaufen und auch mit Palmöl drin. Ich darf Fleisch und Eier und Käse essen, sogar täglich, wenn ich will. Ich darf Fast Food aus der Styroporverpackung mampfen und Cola trinken. Ich darf mit dem Auto fahren, ich darf einen ganzen Schrank voller Klamotten haben, und ich darf heizen und dabei lüften. Das zu erkennen, war wie eine Befreiung vom Druck für mich.

Das im Alltag umzusetzen, ist nicht immer leicht, weil ich das „bloß nicht….“-Denken so stark internalisiert habe. Gerade, wo das mit der Weihnachtszeit so richtig losgeht, merke ich das wieder. Ich möchte Deko und Süßigkeiten in Glitzerverpackung, und ich möchte mir auf dem Weihnachtsmarkt eine nette Kleinigkeit kaufen, die dann nur daheim rumliegt. Just for fun.

Ich kann heute erkennen, daß mein Weg zu Heilung nicht über No Waste und Minimalismus führt, sondern gerade über das Gegenteil. Über Konsum und Verbrauch. Mir das zu kaufen, was ich mag, und es auch mal nicht komplett aufgebraucht wegzuwerfen, wenn ich es nicht mehr mag. Das ist gerade für mich heilsam. Mir das wert zu sein. Mir das zu gönnen.

4 Gedanken zu „No No Waste“

  1. Das kann ich inzwischen auch ganz gut nachvollziehen. Ich habe gemerkt, dass ich sehr viel Moral und Ideale von außen, von anderen, in mich aufgenommen und geglaubt habe, ich wäre ein schlechter Mensch, wenn ich das alles nicht perfekt und sofort und auf einmal umsetze. In meinem Kopf ist ein super krasser Moralprediger. Ich hatte ein schlechtes Gewissen bei Dingen wie Selfcare (z.B. mal länger unter der Dusche stehen, einfach weil das Wasser schön warm ist oder Kleidung besitzen – ein Beispiel, dass du ja auch angemerkt hast).
    Was die Ernährung betrifft, beschäftige ich mich inzwischen mit „intuitivem Essen“. Es wird mir nicht unbedingt die Ergebnisse bringen, die mein Umfeld mir nahe legen würde aber es bringt Einsichten und Ergebnisse in Bezug auf meinen Körper, ein Verstehen ihm gegenüber, das mir keine Diät oder andere Ernährungsform so verschaffen würde. Intuitives Essen ist kein direkter Weg, es zwingt einen dazu dem Körper, dem Hunger, den ganzen pöööösen Bedürfnissen zuzuhören (wie schröcklich!). Und wenn dann plötzlich alle Nahrungsmittel erlaubt sind und es keine guten oder bösen Sachen mehr gibt, dann merkt man erst mal wie viel Glaubenssätze man da internalisiert hat.

    LG
    C.

    1. I feel you! Den Moralprediger habe ich auch in mir, und der ist auch noch ein Perfektionist und kann dadurch sehr viel Druck aufbauen (weil ich auch denke: eigentlich hat der ja Recht – auch wenn mir das nicht immer guttut).
      Intuitives Essen ist eine super Sache. Ich habe lange gedacht, daß ich intuitiv essen würde bis mir klar wurde, daß das, was ich dafür gehalten habe, eine weitere Eßstörung aus meinem bunten Potpourri an Eßstörungen war 🙁 Im Moment befinde ich mich in einer sehr schwammigen Grauzone, wo ich mich so ernähren muß, daß eine recht neu diagnostizierte Krankheit nicht rapide sehr viel schlechter wird, und wo ich, obwohl ich mehr Sport mache und dadurch mehr Kalorien verbrenne, nicht essen kann, wonach mir der Sinn steht. Alles gerade etwas stressig und die Abnehmerei macht mir auch Druck. Da muß ich aufpassen, keine Auszucker zu kriegen und aus Trotz Sachen zu essen, die mir echt schaden können. Für mich gibt es also die guten und die bösen Nahrungsmittel, und das kam gerade in einer Phase, wo ich dachte, endlich einen total guten Umgang mit Essen gefunden zu haben….naja, heiter weiter…

      1. Ich lerne gerade, dass es sehr viel schwerer ist zu dem zu stehen wer man wirklich ist / wie man wirklich denkt, als zu dem Idealbild, das man gerne der Welt von sich zeigen möchte bzw. das diese erwartet. Ist auch sehr ernüchternd irgendwie.

        Wie kamst du eigentlich auf die Idee mit dem Jakobsweg?
        Gruß
        C.

        1. Den Jakobsweg wollte ich schon mit 16 gehen, aber ich habe das damals nicht machen können, weil ich eine starke Verpflichtung gespürt habe, mich um einen anderen Menschen zu kümmern. Ich habe das aber immer bedauert, gerade nach Erwerb der Gehbehinderung. Ich habe den Traum nie aufgegeben und es dann eben jetzt mit Auto und Rolli gemacht 🙂 Ich würde den Weg gern nochmal machen, mit mehr Zeit. Im kommenden Mai bin ich wieder in Santiago, aber diesmal wird die Reise dahin sehr viel schneller sein, damit ich mehr Zeit in Galicien habe.

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