Mein Camino #7

Obwohl die Nacht in Ponferrada auch nicht länger als fünf Stunden war, starteten wir am nächsten Tag recht entspannt. Unterwegs frühstückten wir auf einem Parkplatz mit spektakulärer Aussicht über die galizischen Berge: Baguette, gekochten Ibérico-Schinken (der ganz anders schmeckt als der rohe) und veganen Streich. Unsere erste Etappe führte uns über die Autobahn nach O Cebreiro, einem Bergdorf, das ganz aus grauem Schiefer erbaut ist, und wo man auch welche der traditionellen galizischen Rundhäuser bewundern kann.

Rundhaus in O Cebreiro

Hinter O Cebreiro sahen wir und am Alto San Roque die berühmte Statue eines Pilgers an, der sich gegen Wind und Wetter zu stemmen scheint.

Alto San Roque

Die Landschaft, die nur allmählich wieder abfällt, erinnerte meinen Mann und mich stark an den Schwarzwald, so daß, als wir kurz vor Sarria eine kleine Rast einlegten, fast schon Heimatgefühle aufkamen. Unser nächstes Ziel war Portomarín. Das eigentliche Städtchen wurde zugunsten eines Stausees aus einem Tal an die Bergflanke verlegt – und dabei wurde sogar die Kirche Stein für Stein ab- und später wieder aufgebaut. Der Ort ist malerisch, doch wir entschieden uns nur für die Besichtigung vom Auto aus. Überhaupt war es uns gar nicht möglich, auch nur ansatzweise alle Kultur- und Besichtigungsangebote wahrnehmen zu können. Würde man das wollen, könnte man Jahre auf dem Camino Francés zubringen.

Ausblick über Portomarín

Auf unserem Weg Richtung Santiago sahen wir das Ortsschild nach Vilar de Donas. Von diesem ehem. Nonnenkloster hatte ich in einem Buch gelesen. Da es ein wenig abseits des Camino liegt, kommen hier nur sehr wenige Fußpilger hin, und so hatten wir das Kloster samt der spanischsprachigen Wächterin für uns. Die Dame war so nett, mir einen Sello in mein Tagebuch zu drucken, und sie und ich hatten eine Unterhaltung über das Pilger, die mich berührt und nachdenklich gemacht hat. Sie merkte nämlich, daß ich niedergeschlagen war, und ich erzählte ihr, daß ich mich so fühle, als würde ich „nicht richtig“ pilgern, weil ich eben nicht zu Fuß gehen kann. Daraufhin baute sie mich fürsorglich wieder auf und meinte zum Schluß lapidar, daß, hätten die „Erfinder“ des Pilgerns schon Autos gehabt, sie sicher auch mit dem Auto gefahren wären, wenn sie zu Fuß keine Chance gehabt hätten. Das Gespräch mit der Señora hat mir unheimlich gut getan und ich blickte ein wenig versöhnlicher in die Welt.

das ehem. Kloster in Vilar de Donas

Über Arzúa und den Monte do Gozo kamen wir schließlich nach Santiago und waren mal wieder nach dem Tag in Einsamkeit und Stille (ja, wir fahren ohne Radio und meist auch ohne viel zu quatschen) ganz schön überrumpelt von dem ganzen Trubel. Zunächst mal mußten wir einkaufen. Die anschließende Hotelsuche gestaltete sich trotz Navi wirklich schwierig, denn es stellte sich heraus, daß wir absolut treffsicher gerade in dem Teil der Altstadt unser Quartier gebucht hatten, in den man nicht mit dem Auto einfahren durfte. Zum Glück fanden wir aber einen Behindertenparkplatz in relativer Nähe zum Hospedaje und wurden dort unheimlich herzlich empfangen. Wir hatten sehr schöne, moderne Zimmer mit bequemen Betten – was kann man sich mehr wünschen?

in den Straßen von Santiago

Nachdem wir uns kurz frisch gemacht hatten, machten wir uns auf die Socken. Auf einem der Plätze der Stadt hatte eine Buchhandlung anläßlich der galizischen Literaturtage einen Aktionstisch aufgebaut und dort habe ich mir mehrere Bücher über interessante Reiserouten durch Galizien gekauft, auch das Buch „50 lugares mágicos de Galicia“. Ich hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, mir eine mehrbändige galizische Grammatik zu kaufen, ließ es aber bleiben, was ich bis heute bereue 🙁

die Hinterseite der Kathedrale

Obwohl man meinen sollte, daß alles in Santiago zur Kathedrale strömt und diese daher leicht zu finden sein sollte, war dem nicht so. Tatsächlich mußten wir mehrmals nach dem Weg fragen, bis wir sie endlich fanden. Durch einen nicht barrierefreien Eingang ging es hinein. Ich fühlte mich einfach schrecklich: nicht nur, daß ich nicht auf dem Platz vor der Kathedrale angelangt war, sondern sie durch den Hintereingang betrat, ich war mit meinem Rollstuhl allen im Weg. Das war auch der Moment, wo ich dachte: was in aller Welt tue ich hier? Um mich herum waren lauter genervte Menschen und von den christlichen Tugenden war absolut nichts zu spüren, während sie darauf warten mußten, daß ich die Treppen herunterkam, während mein Mann den schweren Rollstuhl nach unten bugsierte. Ätzend war’s.

Teile der Fassade waren in Gerüsten eingepackt

Endlich unten angekommen, sahen wir uns in der Kathedrale um. Sie war gesteckt voll, da bald ein Gottesdienst beginnen sollte, und daher habe ich persönlich auch nur den einen Teil (nämlich den mit dem Apostel darin) angucken können. Ich fühlte mich hundeelend und wäre am liebsten geflohen, aber das verbat sich eigentlich – nachdem ich so viele Jahre hatte warten müssen, um endlich hier zu sein – von selbst! Ich stellte mich also mit Rollstuhl in die Schlange derer, die die Stufen zum Apostel erklimmen wollten. Da ich nicht lange auf einer Treppe stehen kann, mußte ich warten, bis diese vor mir frei war. Was die Leute hinter mir schier in den Wahnsinn trieb. Nicht, daß sie ohne mich schneller zum Apostel gekommen wären, aber allein das Gefühl, warten zu müssen, während die Treppe frei war und nur so ein Dummbeutel im Rollstuhl den Zugang blockiert, schien für sie kaum auszuhalten. Am Ende erklomm ich die Treppen recht zügig und legtem dem Apostel meine Hände auf die Schultern.

das Ziel aller Pilger: der Apostel Jakob

Und in dem Moment brach alles aus mir heraus: der Frust darüber, den Weg nicht gegangen zu sein, der Frust über die Behinderung allgemein, der Frust über alles, was nie wieder sein wird. Ich habe geheult wie ein Schloßhund. Da ich normalerweise nicht zu emotionalen Ausbrüchen oder Heulen neige, hat mich das ganz schön mitgenommen, und mit wackligen Beinen stieg ich die Treppen auf der anderen Seite wieder hinab, wo mein Mann mit dem Rolli wartete. Leider bekam er nicht wirklich mit, wie es mir ging, weil er von den Leuten so genervt war. Wir einigten uns darauf, daß ich in den Kathedralenshop gehen und shoppen würde, während er schon mal das Pilgerbüro suchen sollte. Ich hatte gelesen, daß jedem, der die Kathedrale besucht, die Besuchscompostela zustünde, die nicht mit der normalen Compostela, die den Pilgern vorbehalten ist, verwechselt werden darf. Beim Shopping bekrabbelte ich mich einigermaßen und deckte mich mit lauter kitschigem Krempel ein: Compostela-Tassen, ein Medaillon mit dem Apostel darin, ein Armband, ein Lesezeichen und anderes.

das galizische Nationalgericht – Pulpo, also Tintenfisch – bekommt man praktisch überall

Als ich meinen Mann auf dem Platz seitlich der Kathedrale (übrigens durch den Shop doch barrierefrei erreichbar) wiedertraf, war er noch genauso genervt wie vorher. Das Pilgerbüro war nicht auffindbar gewesen. Also gurkten wir quer durch die Altstadt, aber wirklich niemand wußte, wo das verflixte Pilgerbüro war. Das war echt verhext! Am Ende quatschten wir eine junge Frau auf Englisch an, die wußte, wo das Büro war, und die uns auch noch ein großes Stück begleitete. Auf dem Weg stellte sich dann heraus, daß sie selbst auch Deutsche war und gar nicht weit von uns entfernt wohnt 🙂 Als wir endlich da waren, fühlte ich mich immer noch elend. Eine Besuchscompostela, naja, besser als nichts, aber nicht das, wofür ich gekommen war. Als ich an der Reihe war, fragte mich die Mitarbeiterin nach meinem Pilgerpaß, den ich natürlich nicht hatte. Ich stöpselte mir auf wildem Spanisch etwas zurecht, das sie scheinbar nicht so ganz verstand, denn sie holte eine englischsprechende Kollegin. Der schilderte ich meine Reise, dann holten sie noch einen anderen Kollegen dazu. Am Ende drückte man mir ein Verzeichnis in die Hand, in das ich eintragen sollte, wie ich heiße, woher ich komme und wo ich zu pilgern begonnen habe. Wahrheitsgemäß trug ich St. Jean ein. Die Pilgerbürofrau guckte kurz drüber, nickte dann, gab das alles an die Kollegin weiter, ich mußte einen Moment warten und dann bekam ich meine Compostela in die Hand gedrückt. Als ich ungläubig auf das Formular guckte, grinste die Mitarbeiterin und erklärte mir, daß Rollstuhlfahrern das Privileg der Compostela zugebilligt wird, wenn sie aus eigener Kraft einen einzigen Kilometer auf dem Jakobsweg zurücklegen. Da ist mir dann wirklich die Kinnlade runtergefallen.

in Galizien gibt es in den Innenstädten viele Arkaden, unter die sich die Menschen bei plötzlichen Regenbrüchen flüchten können

Nachdem ich noch schnell eine Transporthülle für das Dokument gekauft hatte, bin ich erstmal auf dem Klo verschwunden, um noch eine Runde hemmungslos zu heulen. Ich hätte mit allem gerechnet. Und ich hätte damit leben können, abgewiesen und nicht wie ein Pilger behandelt zu werden. Aber damit, angenommen zu werden und zu erleben, daß meine Pilgerschaft nicht als minderwertig angesehen wird, mußte ich erstmal klarkommen. Für mich hat sich an der Stelle mein ganz persönliches Pilgerwunder ereignet. Später feierten wir die Ankunft in Santiago mit einem fabelhaften Essen in einem sehr schönen Restaurant in der Altstadt. Was für ein Triumph das für mich war!

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